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Frank A. Schneider über Go Plus in Bad Alchemy (08/03)
GO PLUS: Go Plus. CD. Kitty Yo
Hingegen erst die dritte Platte (neben diversen Singles und einer
großartigen Kassette auf dem Silke Arp-Label) in Jahren! Zeit lassen als
Aufmüpfigkeit? Lange, selbstvergessene Sickerbewegung durch die
Institutionen? Eine eigene Geschwindigkeit mit eigner Moralinsäure? Die
Restauration der Langsamkeit durch den oder die Langmut? Schweben mal nicht
als Kitsch, sondern als ... Schweben?
Dieses scheinbare Selbstverständnis von Band jedenfalls wird ästhetisch mit
einiger Emphase ausgegossen bzw. verschwendet: Geflügelt-beflügelte, in
verschmusten Schichten übereinandergestrichene
Stop-and-Flow-Post-Gitarrenpopmusik mit einem latenten Hang zur Opulenz und
zur altmeisterlich ausgezogenen Atmosphärenballung. Lotionartige Streicher
umspülen sanft die Wahrnehmungsschwelle. Selbstredend Talk Talk-, XTC- (sh.
hierzu auch: Projektname) und Brian Wilson-fest, dem ja schon auf der
letzten Platte eine Mischung aus Indenarmnahme, rosa Nerdbrillenflirt und in
seiner Unbeholfenheit berührender Liebeserklärung zugehaucht worden war.
Knallhart windelweiche Musik, und doch glasklare Abstraktion und
Verkopftheit, jedoch aufs Anschmiegsamste. Das alteingesessene
Bauch-Kopf-Kategoriensystem zur verbissenen Kulturgüterbeschreibung im
Isolationstank. Dabei nicht ganz so aufgebrezelt wie die ministrantenhaft
vor dem Altar eines klassischen Kunstbegriffs rumkniende letzte Kante. Eher
schelmisch in sich ruhend, denn um historische Würdigung buhlend. Muster,
Momente, Marginalien aus 25 Jahren Gitarrenindie werden mit geübten Griffen
erlöst aus der Rockverspanntheit. Das klingt manchmal wie konzentriertes
Nachdenken, manchmal wie unbewusstes Ausdemfensterstarren. Die
Seinsvergessenheit taumelt aufgekratzt nach der Therapiesitzung durch die
hellerleuchtete Stadt. Kommunikationstrainig-Spotting! Musik, die (sogar und
durchaus) auf den eigenen Atem lauscht. Die sich in Konzentration auflöst
was zwar schwachsinnig oder wahlweise buddhistisch ist, aber auch wurscht.
Pop-als-ob. Die zur Brandung gerinnt. Und die halbdampfende Heftigkeit bei
“Stop³, eh¹ nur 1:15 lang, ist auch eher so eine Art Aufschrecken, das
gleich wieder in die eigene Nestabwärme zurückkriecht. Zurückgeschreckt wird
ca. vor nichts, was irgend uncool wäre. Sogar nachstehenden Textzeilen
gelingt es, beiläufig so zu tun, als wären sie noch durch ihre Daseinsweise
als Poptext abgesichert: “Damals malt¹ ich Birken/tagelang/Beeindruckt/Ich
hab¹ sie angefasst³. Und das ganze heißt dann auch noch, wie um das Fass zum
Überlaufen zu rühren, “Erinnerung an Natur³. Die melancholisch bespannte
Ausdruckslosigkeit der Singstimme von Johannes Pit Przygodda rettet aber
solche vermeintlich millionenumschlingewilligen Gefühlsausbruchsversuche ins
Blaue vor bloßem erlebnislyrischen Subjektstahlbadespaß. Es handelt sich
hier nicht um eine Wiedergewinnung der Eigentlichkeit als gehätschelte,
durchgepauste Baumrinde; sondern um eben Pop. Also um ein mehrfach ab-
und in die Irre geleitetes Spiel mit Gemütsmaterial, mit der inhärenten
Abstraktheit von noch der letzten pathetischen Zurschaustellung von
Ding-Zeichen-Identitäts-Ringelpietz. Die wohltemperierte Unterkühltheit des
Vortrags macht dies deutlich. Es geht nicht darum, seinen Fensterplatz im
holistischen Modell neu zu bepolstern und mit Autorückspiegeln zu armieren,
also es sich in der endlich gefundenen integrativen Harmonie schamlos
gemütlich zu machen, sondern darum, Brüche in Strukturen zu treiben, die
sich scheinbar selbst erklären und selbstverständlich sein sollen. Die
unspektakuläre Insichgekehrtheit von “Go Plus³ ist nicht
individualästhetische Esoterik oder jener post-revolutionäre Rückstau ins
eigene Subjektgewühl und -wirr, wie ihn jener Gutteil der Nach-68er und
Ewig-Hippies hingelegt hat, um dann nie wieder aufzutauchen, außer
vielleicht als RechtsauslegerIn im aktuellen politischen Geschehen. Auch
scheint es sich nicht um die deutsche Treue-Erotik von Schuster und Leiste
zu handeln. Sondern sollte vielleicht besser als Modell, als
Versuchsanordnung, als Frage genommen werden. Von hieraus machen die üppig
aufgetischte Zurückhaltung, die ausgeruhte Strenge, die melodischen
Abendrötungsanflüge, die
Fremd-im-eigenen-Körper-aber-Spass-dabei-Sinnlichkeit (aka der wunderbar
neben jeder Emotionalität stehende Gesang und die eigenartig verklumpten
Texte, die eben nichteinfach nur “persönlich³ sind) sowas ähnliches wie
“Sinn³. Nicht als Letztauskunft, sondern als (was ja ca. allen anderen
Kunstmitteln zubilligt wird, außer den benannten): Kunstmittel. Aber das
predige ich ja schon seit wasweißichwann vor die Säue. “Alles ist Fluss und
zieht vorbei³ auf derlei organlose “Bildbereiche³ und
“Bedeutungsschichten³ bzw. “wogen³ beharren ja die Texte fast penetrant
(ähnlich auch der neuen PeterLicht-CD!). Zwar fehlen allerdings die
beiden herausragenden Stücke von “Largo³ hier durchaus; aber das macht
nichts, denn Individuierung lenkt ja nur ab. Und wo bleibt jetzt dann
eigentlich das Politische Sie baden gerade ihre Hände darin...! Ein
schlechter Scherz für einen sehr guten Zweck.